Wie es endete

CN: Mental Breakdown

CN: Emotionale Kälte

Ich wurde geboren. Ich starb. Ende.

Wirklich? Nein. Nun schritt ich ungesehen durch die Gänge des Gymnasiums. Der Ort an dem ich meine letzten Momente verbracht hatte. Der Ort, an dem ich einen meiner Lehrer erstochen hatte. Der Ort an dem ich erschossen worden war. Hatte ich es kommen sehen? Nein. War es meine Schuld gewesen? Dessen war ich mir nicht sicher. Natürlich hatte ich selbst dafür gesorgt, dass ich getötet worden war. Während ich sein Blut vergossen hatte, hatte ich schon geplant, wer als nächstes dran gewesen wäre. Ich hatte eine Liste gehabt, die ich abarbeiten wollte. Darauf hatte fast meine ganze Klasse gestanden. Dreißig Teenager. Dreißig Morde. Dreißigmal das Gefühl, der Genugtuung, das mich entspannen sollte wie eine heiße Tasse Tee. Doch nun… Ja, nun war ich tot. Und ich konnte meinen Feldzug nicht zu Ende führen. Deshalb war ich noch hier. Ich war wütend auf den Polizisten, der mich erschossen hatte, während ich auf die erste Klassenkameradin losgegangen war. Ich war wütend auf jeden Einzelnen, der nicht hatte überleben sollen, der aber trotzdem noch atmete. Ich war wütend auf jeden, der all die Jahre einfach nur zugesehen hatte, obwohl man so einfach etwas hätte ändern können. Doch nun war es zu spät. Sie hatten, was sie die ganze Zeit über wollten. Sie waren mich los. Man hatte mich entsorgt. Nur noch der Verlust eines Lehrers erinnerte an mich. Sonst nichts.

Ich sah Menschen an mir vorbeilaufen: Schüler. Lehrer. Eltern. Niemand konnte es verstehen. Niemand hatte eine Ahnung, wie ein unschuldiges Mädchen zur Mörderin werden konnte. Die Schuldigen wurden nun abgeholt, von ihren Eltern, die nicht daran glauben wollten, dass ihre lieben Kinder in der Lage gewesen waren, solch ein Monster zu erschaffen. Ein Monster, das am Morgen einfach in die Schule spaziert war um die Welt von ein paar Leuten zu befreien, ohne sie sowieso besser dran gewesen wäre. Niemand konnte meine Tat verstehen. Vielleicht wollten sie es auch einfach nicht. Ich sah auch, wie sie meine Familie anschauten, die mit aller Kraft von meinem Leichnam ferngehalten wurde. Ich sah die Tränen meiner Schwester. Hörte die wüsten Flüche meiner drei Brüder. Und die Frage, warum ich das getan hatte. Warum ich nicht zu ihnen gekommen war. Sie hatten es gewusst. Sie hatten versucht, mich zu besänftigen. Sie hatten all ihre Kraft in meine seelische Gesundheit gesteckt. Doch ich hatte ihnen nicht erzählt, dass ich eigentlich schon längst einen Totalschaden gehabt hatte. Mordgedanken. Schon seit Jahren. Eine geschändete Seele, die sich nach Vergeltung gesehnt hatte. Hätte ich noch weinen können, wäre ich in diesem Moment unter Tränen zusammengebrochen. Doch ich hatte keinen Körper mehr. Keine Tränen, die ich vergießen konnte, weil ich meinen Liebsten schlimmeres angetan hatte als denen, die es hätte treffen sollen. Das hatte ich nicht bedacht. Mit langsamen und geräuschlosen Schritten näherte ich mich meiner trauernden Familie. Meine Familie, die von den Blicken der herumlaufenden Schüler und Eltern fast erdolcht wurde. Man tat ihnen Unrecht. Sie hatten doch nichts getan!

„Das passiert, wenn man seine Kinder nicht unter Kontrolle hat.“

„Sie hätten besser aufpassen sollen, was sie tut. Das hätte verhindert werden können, wenn man nur besser aufgepasst hätte.“

Diese Äußerungen gingen scheinbar an ihnen vorbei. Wie gesagt: Nur scheinbar. Ich wusste genau, dass diese Angriffe ihre Spuren hinterließen, obwohl sie ihre Wut nicht zeigten. Im Gegensatz zu den Eltern der eigentlichen Schuldigen. Ich stand bei meiner Familie und schaute zu, wie mein eingepackter Leichnam fortgetragen wurde. Dieser Anblick erschütterte mich zutiefst. Man sah ja nicht jeden Tag, wie der eigene Körper weggeschleppt wurde.

Ich schaute mich weiter um und schaute den Leuten zu. Einige liefen herum wie aufgescheuchte Hühner. Manche saßen auch nur herum und versuchten, die Fassung zu bewahren. Mein Blick fiel auf meine Klassenkameraden, die zusammen auf dem Gang standen und sich unterhielten. Was sie sagten, konnte ich nicht verstehen und ehrlich gesagt wollte ich es auch nicht wissen. Sie hatten mich zu dem gemacht, was ich war: Eine Mörderin. Eine tote Mörderin. Der Hass saß tief. Ich ballte eine Hand zur Faust. Wenn ich jetzt… Sie hatten mein Leben zerstört. Sie hatten mein Leben beendet. Sie und Herr Rau. Mein Politiklehrer, der mich verhöhnt und gedemütigt hatte. Vor den anderen Schülern. Vor den anderen Lehrern. Ich klammerte mich an das Messer, das ich in der Hand hielt. Er hatte es verdient. Ich sah mir den Gegenstand in meiner Hand genauer an. Die lange und breite Klinge war noch immer blutverschmiert. Sein Blut. Blut, das es wert gewesen war, vergossen zu werden. Als ich meinen Blick senkte, sah ich, auch, was mich getötet hatte. Zwei Einschusslöcher waren in meiner Brust zu erkennen. Wo ich getroffen worden war, hatte ich nicht mehr gespürt. Nur den Knall hatte ich gehört. Bevor alles um mich herum schwarz geworden war. Ich durfte nur sechzehn Jahre alt werden. Das wurde mir in diesem Moment klar. Ich war dazu verdammt ewig in dieser Schule zu bleiben. An dem Ort, an dem mir mehr Unrecht widerfahren war als sonstwo. Weinen konnte ich nicht. Meine Schreie würde niemand hören. Mit meinem Schmerz würde ich vollkommen alleine sein. Für immer.

Ich öffnete die Augen und blinzelte ins Licht. Um mich herum hatte sich eine Menschenmenge gebildet, die mich anstarrte als sei ich eine Ausstellung. Ich ließ das Messer fallen. Das Klappern war laut und deutlich zu hören, denn sonst war alles still. Niemand sprach nur ein Wort. Alle starrten mich nur vollkommen entgeistert an. Niemand hatte es für nötig befunden, mich zur Vernunft bringen zu wollen. Niemand war in diesem Moment auf mich los gegangen. Warum? Warum standen sie nur um uns herum und versuchten nicht, mich aufzuhalten? Sie standen nur dumm herum und hielten Maulaffen feil. So viel zu Zivilcourage. Ich konnte ja froh sein. So blieb ich wenigstens unverletzt. Aber wahrscheinlich waren sie sowieso von Anfang an sicher gewesen, dass ich es nicht durchzog. Sie wollten mich wieder versagen sehen. Gut, das sollten sie. Mein Politiklehrer, dessen Hals ich mit einer Hand umklammert hatte, starrte mich angsterfüllt an. Ich ließ ihn los.

Atme… Ein. Aus. Ein. Aus.

Ich drehte mich um. Alle Umstehenden schauten mich noch immer an. Als ich einen Schritt nach vorne tat, wich jede Einzelne dieser Personen zurück. Ich nahm die Liste aus meiner Tasche und warf sie auf den Boden. Die Blicke der versammelten wanderten zu dem Fetzen Papier, der nun zwischen ihnen auf dem Boden lag. Darauf standen die Namen jedes Einzelnen von ihnen. Einige konnten ihren Blick nicht von der Liste abwenden. Einige hoben ihren Blick wieder und schauten mich an. Es bildete sich ein Gang, durch den ich mich wortlos auf den Heimweg machte.

„Nicht einmal das kann sie durchziehen“, vernahm ich eine Stimme. „Ist ja typisch.“ Doch ich hörte nicht auf diese Provokation. Ich brauchte erst mal eine Tasse Tee.