Rosen haben nicht nur Dornen

Jedes Mal wenn er den Raum betrat, schlug mein Herz schneller. Warum ich gerade auf ihn so reagierte, wusste ich ehrlich gesagt nicht, denn ich kannte ihn nur vom Sehen und hatte kaum zwei Worte mit ihm gesprochen. Nichts wusste ich über ihn. Nichts außer seinen Namen. Vielleicht war ich gerade deswegen so fasziniert von ihm. Vielleicht war gerade das das Interessante an ihm? Das konnte durchaus möglich sein. Doch die Ursache meines Problems zu kennen, würde mir wohl auch nicht weiter helfen.

Kennt ihr es, wenn euch jemand absolut nicht wahrnimmt, egal wie sehr ihr versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen? So ähnlich erging es mir in diesem Fall. Dass mir das wieder passieren würde, hätte ich nicht gedacht. Immerhin war ich kein schüchternes Mäuschen! Gut, als Schülerin war ich eines gewesen, aber mittlerweile war ich doch eigentlich zu alt dafür und hatte diese lästige Eigenschaft längst abgelegt.

Leider war ich nicht in der Lage, etwas zu sagen wenn er in der Nähe war. Um Sprachlosigkeit zu verhindern tat ich also das was ich das einzige, was ich in dieser Situation für gut befand: Ich hielt mich von ihm fern so gut es mir eben möglich war. Außerhalb der Vorlesungen war es nicht wirklich schwer, immerhin war ich ja unsichtbar. Zumindest kam ich mir so vor. Aber ich hatte mich damit schon sehr lange abgefunden. Diesen Zustand kannte ich immerhin seit meiner Schulzeit und seitdem hatte sich auch fast nichts verändert. Nun ja… Während der Vorlesungen war es auch nicht so schwer, mich auf meine eigenen Angelegenheiten zu konzentrieren. Was meine Angelegen waren, konnte man schnell zusammenfassen: Schauen, dass sich niemand auf mich setzte. Ende. Das war’s. Sonst gab es eigentlich nichts, was mich belastete. Ich hatte in Freistunden nie Langeweile, weil es immer jemanden gab, mit dem ich sie verbringen konnte. Verhungern, verdursten und erfrieren würde ich auch nicht. Es gab also eigentlich keinen Grund, mich zu beschweren, wenn man meine eben genannte, zugegebenermaßen doch recht kleine, Schwierigkeit mal außen vor ließ.

Das Einzige, was also dafür sorgte, dass sich meine inneren Organe regelmäßig verknoteten und mir deshalb auch andauernd schlecht wurde, waren einer von der Sorte, die immer zu spät waren und grundsätzlich als erste gingen und… Nun ja… das habe ich wohl schon zur Genüge ausgeführt.

Jedenfalls war das Drama, das sich jeden Tag aufs Neue in mir abspielte, ein Problem, das es zu lösen galt. Wie? Das war mein zweites Problem. Ich hatte keine Ahnung.

Merkwürdigerweise hatte ich immer das Gefühl, dass er mich anschaute wenn er an mir vorbei ging. Und immer, grundsätzlich immer wirkte er…

Gelangweilt… Müde? Desinteressiert.

Ich atmete tief ein und rannte weiter durch das Bahnhofsgebäude. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, über dieses Thema nachzudenken. Gab es so etwas wie den richtigen Zeitpunkt überhaupt? Gut, es war mir sowieso schleierhaft warum ich über so etwas nachdachte. Eigentlich hatte ich ja wichtigeres zu tun. Lernen zum Beispiel. Das wäre gar keine schlechte Idee. Aber… Wenn ich mir meine Noten so anschaute und dabei bedachte, dass ich mehr tat als manch anderer… Nein, da half es dann auch nicht, wenn ich noch mehr tat. Die würden trotzdem so unterirdisch bleiben… Wenigstens konnte ich an etwas anderes denken, wenn schon der Brechreiz ausblieb, der mir normalerweise signalisierte, dass mal wieder ein vollkommen überbewertetes Thema einen Weg gefunden hatte, mich zu nerven.  Diese chemischen Reaktionen, die dieses schreckliche Gefühl verursachte, konnte man doch sicherlich irgendwie unterdrücken!

Mit Anlauf und so elegant wie es bei der Geschwindigkeit noch möglich war, sprang ich gerade noch rechtzeitig in den Zug bevor die Türen geschlossen wurden und der Wagen sich mit einem Ruck in Bewegung setzte. Geschafft! Noch eine halbe Stunde zu warten wäre mir wirklich zu blöd gewesen. Ich atmete tief ein und aus, nach dem ich mich auf einen der wenigen freien Plätze fallen gelassen hatte. Fehler. Ganz großer Fehler. Mein Sitznachbar stank erbärmlich. So schwer es mir fiel, ich musste meine Atmung sofort herunterfahren und die Luft anhalten, soweit es mir möglich war, um so wenig wie möglich von diesem Odeur einatmen zu müssen. Warum ich nicht direkt aufstand und mich verzog, das hatte zwei Gründe: Erstens würde es auffallen wenn ich direkt nach dem Einatmen begann zu husten, aufstand und mich verzog. Zweitens war ich gerade so fertig, dass ich mich nicht mehr wirklich bewegen konnte. Also musste ich versuchen, mich abzulenken. In Ordnung… Andere Gedanken also… Wäre ich bloß ein Baum… Keine Sorgen, keine unnötigen Probleme… Nur der Wind, der durch meine Krone wehte… Und Straßenlärm, je nachdem, wo ich stünde. Und es war sehr gut möglich, dass es an einigen Orten ähnlich roch wie in diesem Zug. Und schon war ich wieder in der Realität. Nicht gut. Irgendeinen Weg musste ich doch finden.

Finden… Sehen… Augen…

Das konnte doch jetzt nicht wahr sein! Wie kam ich schon wieder darauf? Ich hatte doch eigentlich in eine vollkommen andere Richtung denken. Von dem Stichwort „Augen“ ausgehend  mussten meine Gedanken natürlich mal wieder dorthin abschweifen, wo ich sie überhaupt nicht haben wollte. Na vielen Dank. Zwar lenkte mich dieses ganz und gar überflüssige Thema von dem Mief des Kerls ab, der da neben mir vor sich hin dünstete. Trotzdem war es nicht gerade angenehm, dauernd darüber nachdenken zu müssen. Ich tat es ja nicht einmal freiwillig.  Normalerweise rang mir so etwas nur ein müdes Lächeln ab. Mein ganzer Zustand in der letzten Zeit war mir mehr als nur unangenehm. Noch unangenehmer wurde mir die ganze Sache, als ich daran dachte, welche Glanzleistung man am Morgen hatte beobachten können.

Meine Güte, es ist mir sowas von egal, was du über mich lästerst.

Diese Aussage seinerseits war der Ausgangspunkt gewesen. Von diesem Moment an hatte ich keinen Einfluss mehr darauf gehabt, was ich tat.

Nein, ich habe… habe… habe nie über dich g-g-ge-gelästert, nein.

So weit, so gut. Das war ja noch in Ordnung gewesen. Doch als ich daraufhin seinen fragenden Blick gesehen hatte, hatte ich einen Knaller gebracht, der seinesgleichen suchte.

Okay… hinter deinem Rücken gere-re-re-re-redet habe ich sch-schon…

Moment, Moment. Es kam natürlich noch besser. Genau… JETZT!

…a-aber etwas ganz anderes… Eigentlich… nur… dass d-deine Anwesenheit regel… regelmäßig da… dafürsorgtdassichhy-hy-hy-hy-hy… Tief Luft holen. …hyperventiliere, mein Blutdruck steigt und mir vollkommen die Worte fehlen… Vor allem, wenn du es hören könntest. Ähm… Das hast du jetzt nicht gehört.

Daraufhin hatte ich mich umgedreht und war in einem Affenzahn verschwunden. Schneller, als ich es mir je zugetraut hätte. Nicht ohne einen Zettel mit meiner Telefonnummer auf dem Tisch liegen zu lassen. Völlig ohne Zusammenhang, aber was war an meiner Aktion schon logisch gewesen?

Seufzend lehnte ich mich zurück. Warum musste ich mich unbedingt so merkwürdig verhalten?

Mein Handy piepte. Lustlos und kramte ich im Rucksack nach dem Mäppchen, das ich zusätzlich dazu verwandte, mein Telefon aufzubewahren. Auf dem Display war eine Nummer zu lesen, die ich nicht kannte. Als ich die Nachricht öffnete, war ich wieder topfit und gut gelaunt. Vielleicht war das Ganze ja doch nicht so schlecht… Natürlich hatte man mit Männern nur Probleme, aber… Ich lächelte. Zum ersten Mal seit Wochen ging es mir richtig gut. Es war wirklich faszinierend, dass mich zwei kleine, neutrale und unscheinbare Sätze so fröhlich stimmen konnten.

„Ich habe es gehört. Wir sehen uns morgen.“