Puppenhaus

Puppen… überall Puppen! Mein Atem war flach, der Kloß im Hals wurde immer größer als ich über den Gang schritt. Mein Herz hämmerte so laut wie es noch nie geschlagen hatte. Puppen…

Dieser Gedanke schoss immer wieder durch den Kopf. Wieder. Und Wieder. Und wieder. Puppen. Puppen, Puppen wohin das Auge reichte. Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ich die bleichen Gesichter meiner leblosen Beobachter, die in rauen Mengen meinen Weg säumten und mich ununterbrochen anstarrten. Tausende gläserner Augen waren auf mich gerichtet. Ich spürte die stechenden Blicke, die mich von allen Seiten zu durchbohren schienen. Wegschauen wollte ich nicht. Hinschauen wollte ich auch nicht, doch etwas in mir zwang mich dazu, im Auge zu behalten, was sich jeden Moment auf mich stürzen konnte.

Ein Flüstern und Murmeln ging durch die Reihen. Das Geräusch glich einem sanften Wind, der im Frühjahr durch die Kronen der Bäume strich und leise meinen Namen rief. Leider glich es dem nur, war selbst bedrohlich genug, mir auch das letzte bisschen Mut zu nehmen. Meine Knie wurden weicher als sie es ohnehin schon die ganze Zeit gewesen waren. Schwankend tat ich einen weiteren Schritt nach vorne. Noch einen. Noch einen. Ich versuchte mit aller Kraft, mich auf den Beinen zu halten. Meinen Beinen, die mir nicht mehr zu gehören schiene. Weder spürte ich sie, noch wollten sie mir gehorchen. Ich schaffte es nicht mehr. Sie konnten mich nicht mehr tragen und ich sank, leise keuchend, auf den Boden. Wie auf Kommando drehten die Puppen ihre Köpfe in meine Richtung. Dieser Anblick war mehr als furchterregend. Alle. Alle schauten mich an, mich, die zu nichts anderem fähig war als in ihrer Mitte zusammen zu brechen und reglos liegen zu bleiben. Schreien… Konnte ich schreien? Der Versuch endete in einem erneuten Keuchen. Mir war schleierhaft, warum ich es überhaupt versuchte. Niemand würde mich hören, da war ich mir sicher. Ich hatte keine Ahnung wo ich war, jedoch spürte ich, dass es hier nur mich gab. Mich und tausende Puppen, die nur darauf warteten, endlich meine Seele rauben zu können.

Meine Augenlider wurden schwer. Ich versuchte, die Augen offen zu halten, doch war ich viel zu erschöpft von meinem Gang über den Weg meiner Alpträume.

Alptraum.

Ich schlug meine Augen auf. Dunkelheit. Süße, sichere Dunkelheit. Keine Puppen. Ich hatte… geträumt? Ein Licht durchbrach das Dunkel, das mich umgab. Ein paarmal musste ich die Augen schließen und wieder öffnen bis ich erkannte, dass es sich dabei um den Bildschirm meines Computers handelte. Ich war wohl bei der Arbeit eingeschlafen. Ich würde nicht übertreiben wenn ich sagte, dass ich noch nie zuvor so erleichtert gewesen war. Langsam, ganz langsam, sog ich die warme und trockene Heizungsluft tief ein.

Ich stand auf und eilte zum Lichtschalter. Trotz der Tatsache, dass ich mich in Sicherheit wusste, war es mir noch immer etwas unheimlich. Alle Last fiel von mir ab als ich den Schalter unter meiner Hand fühlte und sah, wie sich der Raum sofort erhellte. Mein Schreibtisch, auf dem sich eine ganze Menge Kram stapelte. Meine vollkommen überfüllten Bücherregale. Ich war wirklich in meinem Arbeitszimmer. Es war keine Einbildung gewesen.

Nachdem ich den Computer heruntergefahren und den Rollladen heruntergelassen hatte, entschloss ich mich, in die Küche zu gehen bevor ich mich zurückziehen und uns Bett gehen würde und auf den Schreck noch etwas zu essen. Beinahe geräuschlos schlich ich über den Flur, um meine Mitbewohnerin nicht zu wecken.

Als ich gerade auf halbem Weg war, hörte ich hinter mir eine Stimme. Eine… helle Mädchenstimme. Eine, die ich nicht kannte. Mein Atem stockte und Herz begann wieder schmerzhaft gegen meine Brust zu hämmern. Ich drehte mich um und sah… nichts. Nichts? Ich blinzelte ein paarmal. Ich war wohl zu verschlafen gewesen und hatte es mir nur eingebildet. Konnte… Nein, das konnte nicht sein. Aber sicher war sicher. Mein Blick senkte sich. Je weiter ich nach unten schaute, desto mehr erstarrte ich vor Angst. Mein Herz drohte zu versagen. Durch meinen Kopf schoss nur noch der Gedanke Fehler im System! Fehler im System! ERROR! ERROR!

Einer meiner schlimmsten Alpträume wurde in diesem Moment wahr. Alles, was ich nie erleben wollte, zog noch einmal an meinem inneren Auge vorbei. Ich bildete es mir ein. Von wegen! Nicht real. Von wegen! Unnötige Angst vor Puppen. Von wegen! Vor mir stand eine Puppe. Definitiv eine Puppe. Und eine sehr hübsche noch dazu. Mit ihren langen blonden Haaren und dem kindlichen, blassen Porzellangesicht sah sie so unschuldig aus. Ihr Kleid war aufwendig mit weißer Spitze verziert und auf ihrem Kopf thronte ein großer Sonnenhut. Eine Weile starrte ich die kleine Einbrecherin nur mit weit aufgerissenen Augen an.

„Hast du mich nicht gehört? Ich fragte ob du schlecht geträumt hast.“ Ihr süßes Gesicht verzerrte sich zu einem fiesen Grinsen. Mit einer langsamen Bewegung zog sie ein Messer während sie weiter auf mich zukam.

„Weißt du, dass du hübsch bist? Ich glaube, ich werde dich behalten.“ Ihre glockenklare Stimme war nun viel lauter geworden.

Bitte was? Mich BEHALTEN? Wieder konnte ich mich nicht bewegen. Wieder konnte ich nicht schreien. Wie angewurzelt musste ich stehen bleiben und zusehen wie sich dieses Ding näherte.

„Es wird wehtun…“ Diese Seelenlose Stimme schmerzte mehr und mehr in meinen Ohren. „…aber danach werde ich dich für immer zu einer von uns machen. Ist das nicht toll? Dann sind wir für immer Freundinnen.“

Diese Stimme… Ich spürte, wie auf einmal alle Anspannung von mir abfiel. Meine Atmung beruhigte sich. Mein Herz schlug langsamer.

„Ja.“ Mit einem sanften Lächeln reichte ich ihr die Hand. „Dann sind wir für immer Freundinnen.“