Porzellan (Prosa)

CN: Häusliche Gewalt

Ich stehe vor dem Spiegel und trockne mein Gesicht ab.

„Du musst dich doch nicht schminken“, höre ich die Stimmen in meinem Kopf. Natürlich muss ich es nicht, aber ich will es. Ohne bin ich nicht hässlich, aber mit fühle ich mich schön.

Pinselstrich.

Was steht heute an? Mit Mama zu Oma, danach in die Stadt und einfach mal raus. Ich liebe freie Tage. Der Typ hat Frühschicht und auch sonst ist niemand da. Völlige Stille gibt es hier selten.

Wocheneinkauf. Salami, Fleischkäse, Schinken, Würstchen, Pommes Frites, Dosensuppe, mir wird schlecht. Immer das Gleiche. Immer ekelt es mich.

Pinselstrich.

Mein Rücken bringt mich um. Ich muss wirklich mal wieder zur Therapeutin.

Pinselstrich.

11:00 Uhr. Sie holt mich gleich ab. Noch eine Stunde.

Pinselstrich.

Gesicht wie Porzellan. So fein, so bemalt, so ohne Makel. So fühle ich mich schön. Ich will schön sein, weil Mama herkommt; sie soll doch denken, sie hätte mich gut hinbekommen.

Pinselstrich.

Noch eine Stunde.

Pinselstrich.

Gesicht wie Porzellan.

Es gibt Nudeln bei Oma, hat sie gesagt. Ich mag Nudeln. Die sind so nudelig. Und gute Nudeln sind halt gut. Kaffee. Ich brauche Kaffee. Eine Tasse, zwei, eine Kanne. Ich könnte mich nur von Kaffee ernähren. Kaffee ist gut, Kaffee ist Leben und Liebe, Kaffee hält mich munter. Er hat auch ein Laster. Jeder braucht ein Laster. Er wollte schon so oft aufhören. Er hat schon so oft aufgehört und immer wieder angefangen.

Ich mag seine Familie nicht besonders und sie mich nicht. Nur seine Schwester ist cool. Den Rest kann man eigentlich ins Klo hängen. Warum hat das noch niemand getan? So lebe ich vor mich hin. Lerne vor mich hin. Arbeite vor mich hin. Ich hätte keinen Typen nehmen sollen. So kann ich nicht arbeiten, vor allem, wenn ich bald studiere.

Kaffee. Eine Tasse, zwei, eine Kanne.

Ich kriege das hin. Ich habe bisher alles geschafft. Irgendwie komme ich immer zurecht; immer ohne Hilfe. So habe ich es gelernt. Ich habe bisher alles alleine geschafft. Immer alles alleine.

Kaffee. Badezimmer. Spiegelbild. Ich schaue in den Spiegel und erkenne mich selbst nicht mehr. Gesicht wie Porzellan. Mama nimmt mich mit. Noch eine Stunde. Noch…

Klick! Herz ist Trumpf. Telefon… Mama… Mama… Telefon…

Tuuut…tuuut…tuuut…

„Warum hast du mich noch nicht hier herausgeholt?“

Ich schlafe zu wenig und denke zu viel. Das Leben geht weiter. Die Spuren seiner Launen und seiner Eifersucht jeden verdammten Tag überschminkt. Er hat ein Laster. Er hat versprochen, damit aufzuhören.

Du sagst, du holst mich sofort ab. Noch fünf Minuten. Ich muss nie wieder herkommen. Wenn ich nicht zurück komme, mache ich ihn wütend, aber dann kann er mir nicht mehr wehtun. Ich will ihn wütend machen.

Ich soll es nicht in die Zukunft tragen. Verdrängen. Vergessen. Dann kann mich niemand mehr einsperren und ich würde mich nie wieder dreckig fühlen, denn er kann mich nie wieder benutzen. Ich mag ihn nicht mal besonders.

Danke, Mama. Eine Woche vor meinem Geburtstag. Ich habe es Überstanden. Ich habe es verdammt nochmal überstanden!

Ich nehme meine Maske ab und zeige meine Wunden, meine Narben, meine Geschichte. Wenn ich vertraue. Jetzt habe ich keine Angst mehr. Jetzt kann ich wieder lieben. Ich kann wieder schlafen.

„Warum warst du so dumm, bei ihm zu bleiben?“

„Wie konnte er so umenschlich sein, dir das anzutun?“

Welche Frage stellt man mir und welche wäre passend?

Ich habe nicht vergeben. Ich muss nicht vergeben und kann niemals vergessen.

Ich lege meine Maske ab.

Und und lege eine Maske an.

Ich selbst sein…

Ich kann… Kann… Ich…

Wer bin ich?