Luft anhalten!

CN: Gewalt unter Kindern

CN: Trauma

CN: Mobbing

Ich konnte gerade noch tief einatmen und jetzt bin ich unten. Es ist kalt. Alles verschwommen. Das Wasser hat sich wie eine schwere Decke über mir geschlossen. Lebendig begraben. So fühle ich mich. Alles dreht sich. Ich kann nicht atmen. Ich kann nicht auftauchen. Nur das Wasser und ich. Ich und das Wasser. Und die anderen Mädchen, die mich schon wieder leiden sehen wollen. Jetzt haben sie es geschafft. Jetzt haben sie mich da, wo sie mich haben wollten. Nicht… atmen. Nicht atmen. NICHT! Atmen…

Hände. Wasser. Schmerzen… Luft!

Raus. Ich wehre mich, schlage um mich. Versuche wieder an die Oberfläche zu kommen. An die Oberfläche. Raus aus dem Wasser. Weg von den Händen. Lasst mich! Lasst mich los! Lasst mich atmen! Doch alles, was ich erreiche, ist, dass die Hände mich weiter nach unten drücken und die Fingernägel sich noch tiefer in meine Haut graben. Sie halten mich fest. Halten mich fest und lassen mich nicht mehr los.

Hände. Wasser. Schmerzen… Luft!

Ich will, dass sie mir nicht mehr wehtun. Doch ihr Griff wird immer fester. Und die Fingernägel bohren weiter. AHHHHH! Warum tut ihr mir weh? Und weiter. Weiter schlagen. Winden. Schlagen. Treten. Versuchen, unter ihnen durch zu tauchen. Unmöglich. Immer in Bewegung bleiben. Vielleicht können sie mich irgendwann nicht mehr halten. Halten… Luft! Anhalten. Durchhalten.

Hände. Wasser. Schmerzen… Luft!

Ihr Gelächter rauscht in meinen Ohren. Ihre Hände packen mich immer wieder neu. Ich kann mich nicht befreien. Sie hatten schon öfter Spaß mit mir. Spaß haben. Ihren Spaß. Nur ihren. Haha. Spaß… Mein Fuß trifft ihre Anführerin am Kinn. Sie will sich an mir eigentlich nicht die Hände schmutzig machen. Sie schreit und schlägt mir nun doch in den Bauch.  Hände. An den Schultern. Am Bauch. Am Kopf. An der Brust. An den Beinen. Sie halten mich an Stellen, an denen ich eigentlich niemanden haben will.

Auftauchen. LUFT! Und runter. Immer wieder runter. Immer wieder unter Wasser.

Hände. Wasser. Schmerzen… Luft!

Anhalten. Die Zeit bleibt stehen. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier unten bin. Sekunden? Minuten? Stunden? Tage? Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, doch können es nur ein paar Sekunden sein. Ich schreie. Und niemand kann es hören. Nur ich. Mein Schrei klingt schrill durch das Wasser, wie dem Tode nah, was ich bin, was ich war, schon zweimal? Dreimal? Ich will es nicht wissen. Ich kann nicht denken. Alle Gedanken sind verschwunden. Es drehen nur noch ein paar Wörter ihre Runden. Unaufhaltsam.

Hände. Wasser. Schmerzen… LUFT!

Meine Arme werden schwer. Ich spüre meine Beine nicht mehr. Meine Bewegungen werden langsamer. Langsamer. Bis ich mich schließlich nicht mehr wehren kann. Ich lasse los. Sie lassen los. Ich durchbreche die Wasseroberfläche und schnappe nach Luft. An meinem Arm spüre ich einen festen Griff. Doch dieser Griff ist anders. Ich fühle mich sicher. Ich spüre, dass ich aus dem Becken gezogen werde. Danke. Ich muss gestützt werden und gehe langsam zur Liegewiese. Weine vor Glück, dass alles vorbei ist. Meine Beine wollen mich nicht tragen. Das ist mir egal. Ich sinke zusammen und werde den restlichen Weg getragen. Zehn Jahre alt. Knapp dem Tod entkommen.

Hände. Wasser. Schmerzen… Luft.