Ungesagt

Lange habe ich es vor mir hergeschoben, meine Gedanken zu sortieren. Es ist überfordernd und ich habe mir lange nicht erlaubt zu trauern, weil wir schon vor Jahren den Kontakt verloren hatten. Egal, wie sehr ich ihn die ganze Zeit vermisst hatte: Ich dachte, es stünde mir nicht zu. Dabei hat uns viel verbunden, auch als wir uns aus den Augen verloren hatten.
Also starte ich jetzt einen Versuch, irgendwie in Worte zu fassen, was in mir vorgeht.
Die Welt hat einen wundervollen Menschen und grandiosen Künstler verloren und ich einen Freund. Ein Jahr ist es schon her und noch immer brodelt in mir die Wut. Wut auf ihn, weil er sich dazu entschlossen hat, diese Welt hinter sich zu lassen. Wut auf mich, weil ich viel zu lange den Kontakt zu ihm verloren hatte. Und alles, was ich tun kann, ist, sein Andenken zu ehren und mit allem zurecht zu kommen, was für immer ungesagt bleibt. Viel zu viel, was nie ausgesprochen wurde. Nicht mal ein einfaches „Ich hab dich gern“ habe ich jemals herausbekommen, obwohl sogar das noch untertrieben gewesen wäre. Dass er zumindest die abgeschwächte Version auch so wusste, ist ein schwacher Trost. Ich weiß nicht einmal, wann ich ihn zuletzt gesprochen habe. Irgendwann Mitte 2019 muss es gewesen sein und dann zwei Jahre nicht mehr. Zwei Jahre, in denen so viel passiert ist, dass es mir unmöglich war, Kontakte zu pflegen. Zwei Jahre, die viel zu lang waren. Man denkt ja immer, man hätte alle Zeit der Welt, wenn man jung ist, dabei ist das eben nicht immer so. Die Überforderung und Hilflosigkeit ist umso größer, wenn dieses „alle Zeit der Welt“ nicht so lange ist, wie man es sich erhofft. Und dann bleibt nichts als Erinnerungen und . All diese ungesagten Worte, ungefühlten Gefühle und unbeantworteten Fragen. Das „Was wäre, wenn?“
Und jetzt sitze ich hier und wünschte, diese Worte nicht tippen zu müssen, sondern mit ihm in einer Poetry Slam Location zu sitzen und ihm zu versichern, dass er wirklich gut ist und es jetzt gefälligst allen zeigen soll, bei einem Slam, bei dem ich mich angemeldet habe, um bei ihm sein zu können, so wie damals in Schweinfurt. Nach dem Frühdienst hatte er mich abgeholt und nach der Veranstaltung hat er mich nachts um 3 wieder zuhause abgesetzt. Eine Stunde bevor ich wieder zum Frühdienst aufstehen musste. Warum sonst hätte ich so leichtsinnig meinen Schlaf opfern sollen, wenn nicht, um bei ihm zu sein? Das habe ich ihm nie erzählt. Seine Freude, seine Extroversion und seine unfassbare Energie, wenn es um Poetry Slam ging, war faszinierend. Seine herzliche Art, seine Ausstrahlung... Man musste ihn einfach lieben. Er war einer der wenigen Menschen in dieser Szene, die ich vermisse. Einer der wenigen, die echt waren und denen das Wohl der Anderen am Herzen lag. Jemand, bei dem man einfach sein wollte und man selbst sein konnte. Bei dem ich ich selbst sein konnte: Zerstreut, neurotisch, und voller Selbstzweifel habe ich mich bei ihm sicher gefühlt. Er hat mich nicht verurteilt. Vielleicht hatte ich im Hinblick auf sein Wesen, das so verständnisvoll und liebenswert war, doch etwas mehr für ihn übrig, als bloße Sympathie, was ich aber nie zugegeben hätte. Schwer genug mich jetzt damit auseinander zu setzen, da ich schon nicht mehr mit seiner Reaktion rechnen muss, sollte ich es doch ausplaudern und auch nicht mehr die Möglichkeit habe, mir darüber Klarheit zu verschaffen. Jetzt, da es sowieso egal ist und ich nicht mal weiß, ob mich womöglich meine Erinnerung täuscht und es einfach nur die Gewissheit war, dass mich jemand akzeptiert und respektiert hat, ohne irgendeine Art von Feintuning vornehmen zu wollen. Ohne zu versuchen, mich zu „verbessern“. Vielleicht ist es lediglich die Verzweiflung, die sich explosionsartig ausgebreitet hat, als ich von seinem Tod erfahren habe, und die seitdem nicht mehr gewichen ist,. Ehrlich gesagt möchte ich überhaupt nicht wahrhaben, dass ich ihn nie wieder sehen werde und möchte mich nur auf den nächsten Auftritt freuen, zu dem er mich mit schleppt.
Natürlich war er nicht perfekt. Das ist niemand. Aber er war jemand, den ich gern um mich hatte und bei dem ich mich wohlgefühlt habe. Und für dessen Gesellschaft ich ohne zu zögern immer wieder meinen Schlaf opfern würde, wenn ich dafür weiterhin sein Lachen sehen und seine Stimme hören könnte, deren Klang ich ehrlicherweise vergessen habe.
Und so trage ich die Erinnerung an ihn weiter. In meinem Tun und meinem Namen. A.J. sind nicht nur meine Initialen. Es heißt auch „Anna Jo“, im Gedenken an Johannes.
Was ich eigentlich bloß sagen will: Ich vermisse dich, mein Lieber.

Lass die Scheiße!

Dank eines anderen Großprojektes habt ihr länger nichts von mir gehört. Momentan frisst das wirklich viel Zeit. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich noch weiter darauf eingehen, aber momentan möchte ich einfach nur voran kommen.

Aber es gibt immer noch Dinge, die mich stressen; deswegen nehme ich mir jetzt mal die Zeit, darauf ein zu gehen.

Interdisziplinäres Team: Ein Rant.

Wir haben Assistenzärzt*innen, die sich bewusst sind, dass sie auf uns angewiesen sind und uns sehr schätzen. Das gleiche gilt für Oberärzt*innen. Nur nicht für einen.
Unser leitender Oberarzt weiß auch genau, dass er auf uns angewiesen ist. Nur versucht er, unsere Gutmütigkeit immer wieder auszunutzen. Er ist mittlerweile sogar so weit zu denken, er sei uns weisungsbefugt und könne unsere Tätigkeit so steuern, wie es ihm passt, nur damit er so wenig wie möglich arbeiten muss.
Er hält sich für so eine große Nummer, dass er denkt, uns zur Durchführung von Covid-Tests bei Patienten zwingen zu können, für die ER dann bezahlt wird. Wir bekommen dafür nämlich nix. Er bekommt die Prämie, egal ob er abstreicht oder wir. Er besteht jetzt drauf, dass wir doppelt dokumentieren, weil er sich weigert, unser neues Computerprogramm zu nutzen. Deshalb regt er sich auf, wenn wir kein Pflegeprotokoll von Hand ausfüllen, sondern lediglich elektronisch dokumentieren. Er hätte dann ja die Werte nicht. Doch, hast du. Schreib halt vom Bildschirm ab und mach mir nicht unnötig Arbeit. In der Zeit halte ich mal Ausschau danach, wo das bitte MEIN Problem ist.

Jetzt haben wir bald eine Teambesprechung, in der er uns erklären will, dass wir doch bitte seinen Anweisungen zu folgen haben und dass er das Programm nicht nutzen will. Nun: Dann soll er bitte anderswo anfangen und seinem Posten jemandem überlassen, der*die dafür geeignet ist. Ich kenne da so 2-3 Leute, die ich in dem Job gerne sehen möchte. Er gehört nicht dazu.
Jedenfalls hält unser Pflegeteam zusammen. Wenn das schon auf den Stationen nicht funktioniert, dann wenigstens bei uns. Wir sind eine Mauer. Wenn es drauf ankommt, kommt man nicht gegen uns an.

Ich bin unfassbar gespannt, was bei der Besprechung herauskommt. Der Chefarzt ist auch dabei und ich hoffe, er tut dann auch endlich mal etwas gegen den Höhenflug dieses Exemplars. Leider ist er eher darauf bedacht, es allen irgendwie recht zu machen, sodass am Ende niemand etwas davon hat. Da ihm aber sehr wohl eine gute multiprofessionelle Zusammenarbeit wichtig ist, hoffe ich, dass er uns hilft, den Großkotz zu erden. In den letzten Monaten habe ich so häufig mit diesem Oberarzt gestritten, dass ich wirklich müde bin. Ich habe ihm den Kopf gewaschen, damit er auf die AssistenzÄrzt*innen hört und mit ihnen auf Augenhöhe zusammenarbeitet. Ich habe ihm den Kopf gewaschen, was ihm einfiel, ein neues Pflegeprotokoll einführen zu wollen, das er irgendwo heruntergeladen hatte. Was das denn mit seinen Aufgaben zu tun hat, ist mir immer noch schleierhaft; außerdem hatten eine Kollegin und ich einen ganzen Dienst lang selbst eins entworfen.
Dass wir die Termine für die prästationären SARS-COV-2-Abtriche nicht mehr alle von Hand eintippseln müssen, damit ER weniger Arbeit hat, habe auch ICH durchgesetzt. Keine Ahnung, warum der sonst auf niemanden hört; immerhin bin ich erfahrungsgemäß alles andere als diplomatisch.

Insgesamt ist es jedoch so, dass er keinen unserer Ratschläge befolgt und immer wieder zu diskutieren anfängt, Wutanfälle bekommt und sich aufführt, als ob er gerade zahnt. So etwas kann ich nicht als leitenden Oberarzt gebrauchen. Entweder er arbeitet an sich und seiner exorbitanten Selbstüberschätzung, oder ich weigere mich in Zukunft, mit ihm zu arbeiten.

Rant over.

Pflegt euch ins Knie

So, ihr Schnabeltiere. Ich habe lange überlegt und denke, der hier muss wirklich raus. Aber es ist halt schon bezeichnend, wenn man sich lieber ein paarmal mehr überlegt, ob man etwas zu dem katastrophalen Zustand des eigenen Berufsstandes sagt.

Ich habe einen Job, ein Dach über dem Kopf und nage nicht am Hungertuch. Nur bin ich leider Pflegekraft und finde das ziemlich beschissen. Also nicht den Job an sich, sondern wie mit uns umgegangen wird. Das Gebiet ist eine extrem interessante Wissenschaft mit so vielen Facetten, wird aber noch immer mit Ordenspflege verwechselt. Anders kann ich mir nicht erklären, warum wir noch immer als „Schwester“ angesprochen werden und man alle unsere Forderungen mit fehlender Nächstenliebe wegargumentiert. Wobei: Das ist ja nicht mal ein Argument, sondern emotionale Erpressung, um uns zum Schweigen zu zwingen. Nächstenliebe hat nichts mit meinem Beruf zu tun. Ich könnte Menschen zutiefst hassen und trotzdem eine verdammt gute Pflegekraft sein, einfach weil ich das Gebiet so spannend finde. Weil mich die Entstehung, Prävention und Heilung bestimmter Krankheitsbilder so sehr interessiert. Nicht einmal die so angepriesene Empathie hat etwas mit Nächstenliebe zu schaffen.
Wisst ihr, was noch mit Nächstenliebe nichts zu schaffen hat? Wie man mit uns umgeht. Es ist eine Frechheit, wie man uns mit Nächstenliebe um die Ecke kommt, sie uns aber nicht mal ansatzweise entgegenbringt. Wir schuften uns den Arsch ab und was bekommen wir? Klatschen (Beifall), Lavendel, Merci, Dankesreden, Heldennarrativ und wieder Klatschen (kein Beifall). Dabei fordern wir lediglich eine Impfpflicht für alle, anständige Gehälter, anständige Arbeitsbedingungen, Akademisierung, pflegewissenschaftliche Forschungstellen an allen Uniklinika und damit langfristig mehr Kolleg*innen. Stattdessen lehnen sogar Uniklinika ab, auch nur einen Pflegestudiengang einzuführen, wenn sie es angeboten bekommen. Wenn sie es ANGEBOTEN BEKOMMEN! Ich bin fast aus den Latschen gekippt!
Stattdessen werden wir weiter klein gehalten, verheizt und wie ein frisch geschlüpftes Häufchen behandelt. Obwohl... Ich glaube, das behandelt man sogar besser.

Mein PDL denkt, uns behandeln zu können, wie es ihm in den Kram passt. Er ist mir gegenüber frech, wenn ich auf Missstände hinweise, und verweist bei diesen Mitteilungen auf Formfehler, für die er nicht nur mir eine freche Antwort mit Rotstift unter die Gefährdungsanzeige rotzt, sondern auch noch meine Teamleiterin zur Schnecke macht, statt mal mit unserem ganzen Team darüber zu reden und gemeinsam eine Lösung zu finden. Wir krabbeln auf dem Zahnfleisch und er kommt nicht damit in die Pötte, uns zu entlasten. Stattdessen heißt es, wir sollen halt den Dienstplan abdecken. Wie, sei ihm egal. Ich würde ihm gern alles um die Ohren fliegen lassen, aber selbst das wäre ihm völlig scheißegal. Ich würde ihm gern seinen Job abluchsen, aber für ein Studium bin ich zu sehr am Ende. Eigentlich bleibt mir nur der Pflexit. Da fehlt mir jedoch eine Perspektive. Pflege ist das, was mich interessiert. Notaufnahme, Neo und Psychiatrie sind die Gebiete, in denen ich arbeiten will.

Eine weitere Ausbildung kann ich mir nicht leisten, weder finanziell noch mental. Studium geht finanziell nicht, immerhin wohne ich alleine. Eine Umschulung könnte gehen, aber was interessiert mich? Was kann ich mir als meinen Job vorstellen? Eigentlich war Sozial-Stuff und Bildungs-Stuff immer mein Ding. In den letzten Jahren ist das jedoch immer unattraktiver für mich geworden. Also formuliere ich die Frage mal anders: Was kann ich tun, was nicht direkt etwas mit Menschen zu tun hat? Etwas, bei dem man sich nicht verarschen lassen muss? Okay, verarscht wird man eigentlich überall. Und genau das macht mir die Suche nach einer Alternative so schwer. Aber will ich beruflich wirklich etwas anderes tun?
Ich habe gute Kolleg*innen, pflegerisch wie ärztlich. Wir alle halten zusammen und stützen einander. Wir sind einander Vorbilder, Schüler*innen und Stützen. Wir sind füreinander da und stehen füreinander ein.
Eigentlich finde ich meinen Beruf toll, aber wenn ich den Zustand unseres Gesundheitswesens sehe, weiß ich nicht, ob ich noch drinstecken will, wenn uns alles noch mehr um die Ohren fliegt. Dafür werde ich zu schlecht bezahlt. Ehrlicherweise werde ich für die momentane Situation schon zu schlecht bezahlt. „Wenn's kracht noch nen Meter“ ist nicht die richtige Art, mit Menschen umzugehen. Und es hat schon gekracht. Schon vor der Pandemie hat es gekracht. Man hat uns gegen die Wand gefahren, dann beklatscht und mit nem Lavendelstock versorgt und später weiter durch die Wand durchgedrückt. Yay. Aber Hauptsache die Träger und die Politik schlagen dabei Gewinne raus. Es KOTZT mich an. Aber so richtig. Mit hilflosem „Aber was sollen wir denn dagegen tun?“ kommt niemand weit. Wir sagen euch seit Jahren, was ihr tun sollt. Wir haben euch sogar schon Schritt-Für-Schritt-Anleitungen gegeben.
  • 4000€ Einstiegsgehalt für die Pflege
  • 25h/Woche bei Vollzeit im Gesundheitssektor
  • Rente ab 60 für alle Gesundheitsberufe
  • Ordentliche Ausbildung der Assistenzärzt*innen
  • Geregeltes 3-Schicht-System für Ärzt*innen im KH
  • Kein Gewinn für die Träger
  • Vollakademisierung der Pflege
  • Pflegeforschungsstellen in JEDER Uniklinik
Hätte man damit vor Jahren angefangen, dann hätten wir jetzt diese Probleme nicht und es würden nicht so viele Menschen aus ihrem Job fliehen. Und wenn wir schon dabei sind: Beschließt mal endlich einen gescheiten Lockdown und führt die verdammte Covid-Impfpflicht ein. Die Schwurbels, die dann auswandern wollen, sollen ruhig gehen. Vielleicht nehmen sie Nazis und Homöopathie-Gläubige gleich mit. Wäre mal schön. 
Aber nein, denen muss man ja in den Arsch kriechen, sonst verdient man an der ganzen Scheiße kein Geld mehr, ne? Wenn die Kranken und Fachkräfte eine ordentliche Lebensqualität haben, können sich die Verantwortlichen nicht das Sommerhaus auf Mallorca leisten. Das wäre ja nicht zumutbar! Wenn ich die Virostatische Therapie meiner Katze nicht durch Spenden finanzieren müsste, hätte ein armes, armes Trägervorständchen möglicherweise einen Urlaub weniger. Unfassbar dreist wäre das doch! Ha! Vom Gehalt leben zu können und nicht verheizt zu werden ist eine unfassbar dreiste Forderung. Immerhin braucht hier noch jemand ne Handtasche, da noch jemand nen Porsche und die unentbehrlichen Maßanzüge kosten ja auch. Wen kümmert's da, dass immer mehr Leute arbeitsunfähig werden, über Monate oder Jahre krank sind, ihren Traumberuf aus Resignation verlassen oder sogar sterben?
Ja, es klingt bösartig, wie ich darüber rede, aber ich finde keine anderen Worte mehr. Ich kann nicht mehr weinen, weil ich zu kraftlos bin. Ich habe jeden Tag Angst, wieder psychisch zu dekompensieren und diesmal länger auszufallen als den einen Monat Anfang des Jahres. Ich kann nicht mehr positiv denken, kein Alles wird gut mantraartig vor mich hin grummeln und nicht mehr an das Gute im Menschen glauben.

Es geht nicht mehr. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich nur noch hoffe, dass ich meine Erwerbstätigkeit überlebe.

Es geht hier nur noch um's überleben.

Ja. Kapitalismus ist etwas feines, ne?

~ ; ~

Das Ende eines Abschnittes. Die Stelle, an der ich einen Punkt machen wollte, aber mir immer wieder etwas dazwischenkam. Fast 20 Jahre lang. Fast 20 Jahre lang wollte ich nur fein raus sein und mir diese ganze verdammte Welt nicht mehr geben, weil ich hier sowieso keinen Platz hatte. Ich bin schon anders, seit ich mich erinnern kann.
Also nicht dieses „not like other girls“-anders, sondern anders-anders. Ich habe nie verstanden, was gesellschaftlich, schulisch und auch in allen anderen Belangen von mir erwartet wurde und alle um mich herum verstanden nicht, dass ich es nicht verstand.
Ich kann andere Menschen oft nicht nachvollziehen, die Wenigsten können mich nachvollziehen. Das Chaos in meinem Kopf ist unerträglich und meine Systemabstürze unberechenbar. Das bot meine Mitschüler*innen natürlich Angriffsfläche. Wenn ich sowieso nie gut genug war, warum sollten gerade sie mich dann akzeptieren? Ich bin introvertiert, „eigen“ und entspreche in meinem ganzen Sein und Tun nicht der vermeintlichen Norm. Aber was ist schon normal? Für mich war es eben normal, zu malen, in Fantasybüchern zu versinken, düstere Musik zu hören, Gedichte und Geschichten zu schreiben. Es wurde auch zur Normalität, das ziemlich alleine zu tun, obwohl ich gerne ein paar Freund*innen gehabt hätte, mit denen ich etwas unternehmen konnte. Mittlerweile macht es mir Angst, unter Leute zu gehen. Natürlich wäre es mir lieber, wenn ich ab und zu mal tanzen gehen könnte und schnell Anschluss fände. Mein Leben hat mich aber zu dem gemacht, was ich jetzt bin: Ein Weirdo, der nirgendwo reinpasst. Zumindest denke ich das von mir. Meine scheinbare Verpeiltheit ist für mich normal, genauso wie das Chaos an Gedanken, das mir regelmäßig Kopfschmerzen und die schon erwähnten Systemabstürze verursacht. Aber hey: Irgendwie schaffe ich es. Das „Wie“ ist mir häufig selbst ein Rätsel.
Jedenfalls haben mir diese Umstände nicht wirklich weitergeholfen. Ich fühlte mich nicht ernstgenommen, wurde belächelt und irgendwann habe ich an meiner Intelligenz gezweifelt. Was im Großen und Ganzen zwar nicht schlimm ist, aber für mich halt schon. Dabei spielt meine Intelligenz möglicherweise schon eine Rolle, wie mir von verschieden Quellen zugetragen wurde. Nur halt in die andere Richtung. Das zu testen vermeide ich aber. Ich will es nicht wissen. Mir reichen schon die Mutmaßungen Anderer und jetzt steht ja auch noch ADHS im Raum und... Gut, das ist eine andere Geschichte.

Jetzt also mal von vorne. Oder zumindest von dem an, was vorne sein könnte, weil ich da bemerkt habe. Ich habe nämlich keine Ahnung, wann das alles tatsächlich angefangen hat, unschön zu werden.
Mit 12 war ich zum ersten Mal suizidal. Ich stand in Irland an einer Klippe und dachte zum ersten Mal ernsthaft dran, da runter zu springen. Eins mit den Wellen zu sein war in dem Moment das, was ich wollte. Ich wollte Schaum werden, vom Wasser weggetrieben und nie mehr von irgendwem gesehen. Okay, ja. Ich wusste auch damals schon, wie eine Wasserleiche aussieht, aber daran wollte ich in dem Moment nicht denken. An dieser vollkommen surrealen Situation merkte ich es erst. Ich konnte es nicht benennen und wusste bis dahin nur theoretisch, dass so etwas wie Suizid existiert. In diesem Moment hatte ich Angst vor mir selbst. Angst, tatsächlich zu springen. Deshalb habe ich mich in diesem Urlaub nie mehr einem tiefen Abhang genähert.
Mit den Jahren kamen diese Gedanken immer wieder. Mal diffus und nicht wirklich greifbar, mal sah ich eine Gelegenheit nach der anderen, mir alles auszuhauchen, was ich war.
Ich wollte nur noch meine Ruhe. Damit fängt es an. Damit fängt es fast immer an. Einfach nur die Sehnsucht danach, endlich diese laute und unfassbar nervige Welt mit Menschen, Problemen, Stress und Gefühlen hinter sich zu lassen und aus dieser ganzen Scheiße fein raus zu sein.

Ruhewunsch
Todeswunsch
Planung
Vorbereitung
Durchführung

Ein paarmal kam ich bis zur Vorbereitung. Vor der Durchführung wurde ich immer bewahrt. Ich würde ja gern sagen, dass jemand mich davon abgehalten und mir damit das Leben gerettet hat, aber da muss ich euch leider enttäuschen. Es war allein mein Dickschädel. Wegen meines Dickschädels habe ich bisher überlebt und habe es auch weiterhin vor. Wohin kämen wir denn, wenn ich der Welt nicht mal mehr den Mittelfinger zeigen könnte? Denn: Was ich mir vornehme, ziehe ich auch durch. Und ich habe mir ja mit meiner Geburt vorgenommen zu leben.

Selbstverletzungen, erst durch zu heißes Duschwasser, häufiges Kratzen und Nägelkauen, dann durch toxische Beziehungen, exzessiven Alkoholkonsum und später zusätzlich ein höchst riskantes Sexualverhalten konnten mich nicht klein kriegen; immerhin bin ich noch da. Und das alles, weil ich nicht eingesehen habe, diesem Drang, mein Leben zu beenden, nachzugeben. Ja, das ist unromantisch, aber ich war schon immer eher lösungsorientiert. Sicher erinnert mein Vater sich noch an den Gummifrosch auf seiner Bettecke, weil es mir immer zu lange gedauert hatte, bis er am Wochenende mal aufstand, wenn wir ihn zum gemeinsamen Frühstück weckten. Es war unschön und vielleicht nicht besonders nett, aber effektiv.
Und so ging ich auch mit meiner Suizidalität um. Sterben? Erst, wenn ich XYZ erledigt habe. - Ich will es immer noch? Sorry, ich wollte noch Pizza bestellen; ist also momentan eher nicht so optimal. - Jetzt? Bin leider unpässlich. Und warum ziehe ich sowas überhaupt in Erwägung? Wie habe ich mich bei dem Anruf wegen B gefühlt? Und als ich von Rs Tod erfahren habe? War kacke. Will ich das für Andere? Nein. Also lasse ich das mal schön sein. Okay? Okay! Wenigstens da bin ich mir mal einig.
So unromantisch also das Verhindern meines Suizides war: Es hat für mich funktioniert. Ich lebe noch. Und das ist auch gut so. Heute gibt’s nämlich vegane Dönerstyle-Nudeln.

Aber jetzt mal ernsthaft: Ohne mir Hilfe zu holen hätte ich es aus diesem Teufelskreis nie rausgeschafft. Und ja, meine Medikation spielt da auch keine unwesentliche Rolle.

Hilfe gibt’s in der Psychiatrie eurer Wahl, bei niedergelassenen Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen. Jede Psychiatrie hat eine Notfalltelefonnummer und bei akuten Suizidabsichten müsst ihr sofort die 110 oder 112 anrufen und euch zur nächsten Notaufnahme bringen lassen.

Zur Prävention gibt es unter Anderem die Telefonseelsorge und Selbsthilfegruppen. Ihr seid nicht alleine. Gebt euch nicht auf; ihr würdet vielen Menschen fehlen.

Für mehr „Nein“ und weniger „Ach, komm schon!“

Keine Ahnung, warum mir das eben wieder eingefallen ist. Vielleicht weil ich sowieso mitten in der Aufarbeitung der fünf schlimmsten Jahre meines Lebens stecke. Vielleicht gab es irgendeinen Trigger, den ich nicht benennen kann, weil er so nebensächlich scheint, dass es einfach ist, ihn zu übersehen. Jedenfalls ist dieses Gefühl von damals wieder sehr präsent.

Ich war 19.

„X hat gefragt, ob er dich mal ausleihen kann.“ erzählte mein damaliger Freund beiläufig. X war sein Onkel und mir noch nie wirklich angenehm gewesen. Ich erfragte auch, was damit gemeint war: Er hatte schon lange mit keiner so jungen Frau mehr geschlafen und ich sei doch recht fickbar. Als hätte ich es mir nicht denken können. Seine Freundin war ihm mit Mitte 40 zu alt. Er ging auf die 50 zu und war nicht gerade das, was man als attraktiv und sympathisch bezeichnen konnte. Mir wurde übel. Ich hielt es für einen schlechten Scherz, aber wurde schnell eines Besseren belehrt.
„Und du hast ja eh keinen Vergleich, also ist das doch bestimmt praktisch für dich, dann hattest du wenigstens mal einen anderen Schwanz. Ich habe schon erzählt, wie du so bist, aber er will trotzdem.“
Nicht nur, dass die beiden es als voll okay angesehen haben, einfach über meinen Kopf hinweg so etwas verabredet hatten, das ist auch auf so vielen anderen Ebenen mindestens problematisch.
Als mir diese Szene eben wieder in den Kopf platzte, war alles wieder da: Der Ekel, die Scham, die Wut. Ich musste mich einer Diskussion mit meinem Freund stellen, warum ich nicht mit seinem fast 50-jährigen ekelhaften Onkel schlafen wollte. Warum ich wütend darüber war, dass die beiden dachten, so über mich verfügen zu dürfen. Dass ich auch noch ein Wörtchen mitzureden hatte und dieses Wörtchen eben Nein war. Na gut, eigentlich war es nicht wirklich eine Diskussion. Er hat versucht, mich durch Manipulation dazu zu zwingen. Gaslighting und anderer Psychoterror waren ja sowieso an der Tagesordnung. Dass er mein Nein nicht akzeptierte, war an der Tagesordnung. Dass er mich aber an jemand anderes verscherbeln wollte, war bisher noch nicht vorgekommen. Und er erwähnte es noch öfter. Beide fragten noch öfter nach, ob ich denn jetzt wolle und warum ich mich denn so anstellte. Es sei doch nur einmal.

Jetzt, wo ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, merke ich auch, dass das zu meiner Angst vor älteren Männern beigetragen hat. Ich konnte mit ihnen keine noch so freundlichen Gespräche führen, ohne Angst vor Übergriffen zu haben. Ich wollte nicht mal im gleichen Raum sein. Und vor X ekele ich mich immer noch. Obwohl ich es so lange erfolgreich verdrängt hatte, Ist es jetzt wieder so präsent als sei es gerade erst passiert. Ich ekele mich sogar wieder vor mir selbst; davor, dass es Menschen gibt, die mich aus einer sexuellen Perspektive sehen. Eigentlich weiß ich nicht mal, wovor ich mich ekele. Es ist so ein schwammiges Gefühl, gemischt mit Wut und Verzweiflung. Dieses Wissen, dass es Menschen gibt, die mir das Recht absprechen wollen, über meinen eigenen Körper zu entscheiden, ist gruselig. Dass über so etwas häufig gescherzt wird, ist verdammt gruselig, denn es verharmlost diese Tatsache auf so vielen Ebenen. Und jede dieser Ebenen ist eine zu viel.
Das ist nur eine Situation von vielen gewesen und ich arbeite immer noch dran, da irgendwie drauf klarzukommen, immerhin musste ich X mindestens jedes verdammte Wochenende sehen, teilweise noch öfter. In diesem Haus wurde ich ja gehalten wie eine Gefangene und er ging dort ein und aus, wie er wollte. Um es jemandem aus meiner eigenen Familie zu erzählen habe ich mich zu sehr geschämt, was eigentlich unvorstellbar ist, denn ich hatte ja nichts getan. Der Familie meines damaligen Freundes konnte ich nichts sagen, weil sie sich IMMER gegenseitig in Schutz genommen haben. Sie haben sogar jahrelang gesehen, wie mein Freund mich gequält und erniedrigt hatte, und haben es einfach geschehen lassen. Unsere gemeinsamen Freund*innen wickelte er immer wieder ein. Ich hatte jahrelang keinen Safe Space. Stellt euch das mal vor: Ihr seid psychisch schon völlig am Ende, jemand, dem ihr eigentlich vertrauen können solltet, terrorisiert euch immer weiter und ihr habt keinen Ort, an dem ihr davor sicher seid.
Und dann will er euch an seinen Onkel verscherbeln und findet das auch noch halb so schlimm. Da bin ich noch irgendwie rausgekommen, aber:
Wie oft hat schon jemand mein Nein ignoriert? Ich kann es nicht sagen. Auch nicht, wie oft ich mich doch habe zu irgendetwas überreden lassen, was ich nicht wollte? Und das nicht nur in sexueller Hinsicht und nicht nur Menschen, die mir etwas Böses wollten.
Ich muss mit niemandem schlafen, in einer Beziehung muss ich auch keine sexuellen Praktiken nutzen, die ich nicht mag. Verdammt, ich muss nicht mal ein Glas Wein trinken, wenn ich das nicht möchte, und das ganz ohne schwanger zu sein. Ich muss bei schönem Wetter nichts unternehmen, muss meine*n Partner*in nicht überallhin mitnehmen und ich muss verdammt nochmal weder Fleisch noch andere Tierische Produkte konsumieren. Ich. Muss. Nichts.

Für mehr Nein auf dieser Welt.