Ungesagt

Lange habe ich es vor mir hergeschoben, meine Gedanken zu sortieren. Es ist überfordernd und ich habe mir lange nicht erlaubt zu trauern, weil wir schon vor Jahren den Kontakt verloren hatten. Egal, wie sehr ich ihn die ganze Zeit vermisst hatte: Ich dachte, es stünde mir nicht zu. Dabei hat uns viel verbunden, auch als wir uns aus den Augen verloren hatten.
Also starte ich jetzt einen Versuch, irgendwie in Worte zu fassen, was in mir vorgeht.
Die Welt hat einen wundervollen Menschen und grandiosen Künstler verloren und ich einen Freund. Ein Jahr ist es schon her und noch immer brodelt in mir die Wut. Wut auf ihn, weil er sich dazu entschlossen hat, diese Welt hinter sich zu lassen. Wut auf mich, weil ich viel zu lange den Kontakt zu ihm verloren hatte. Und alles, was ich tun kann, ist, sein Andenken zu ehren und mit allem zurecht zu kommen, was für immer ungesagt bleibt. Viel zu viel, was nie ausgesprochen wurde. Nicht mal ein einfaches „Ich hab dich gern“ habe ich jemals herausbekommen, obwohl sogar das noch untertrieben gewesen wäre. Dass er zumindest die abgeschwächte Version auch so wusste, ist ein schwacher Trost. Ich weiß nicht einmal, wann ich ihn zuletzt gesprochen habe. Irgendwann Mitte 2019 muss es gewesen sein und dann zwei Jahre nicht mehr. Zwei Jahre, in denen so viel passiert ist, dass es mir unmöglich war, Kontakte zu pflegen. Zwei Jahre, die viel zu lang waren. Man denkt ja immer, man hätte alle Zeit der Welt, wenn man jung ist, dabei ist das eben nicht immer so. Die Überforderung und Hilflosigkeit ist umso größer, wenn dieses „alle Zeit der Welt“ nicht so lange ist, wie man es sich erhofft. Und dann bleibt nichts als Erinnerungen und . All diese ungesagten Worte, ungefühlten Gefühle und unbeantworteten Fragen. Das „Was wäre, wenn?“
Und jetzt sitze ich hier und wünschte, diese Worte nicht tippen zu müssen, sondern mit ihm in einer Poetry Slam Location zu sitzen und ihm zu versichern, dass er wirklich gut ist und es jetzt gefälligst allen zeigen soll, bei einem Slam, bei dem ich mich angemeldet habe, um bei ihm sein zu können, so wie damals in Schweinfurt. Nach dem Frühdienst hatte er mich abgeholt und nach der Veranstaltung hat er mich nachts um 3 wieder zuhause abgesetzt. Eine Stunde bevor ich wieder zum Frühdienst aufstehen musste. Warum sonst hätte ich so leichtsinnig meinen Schlaf opfern sollen, wenn nicht, um bei ihm zu sein? Das habe ich ihm nie erzählt. Seine Freude, seine Extroversion und seine unfassbare Energie, wenn es um Poetry Slam ging, war faszinierend. Seine herzliche Art, seine Ausstrahlung... Man musste ihn einfach lieben. Er war einer der wenigen Menschen in dieser Szene, die ich vermisse. Einer der wenigen, die echt waren und denen das Wohl der Anderen am Herzen lag. Jemand, bei dem man einfach sein wollte und man selbst sein konnte. Bei dem ich ich selbst sein konnte: Zerstreut, neurotisch, und voller Selbstzweifel habe ich mich bei ihm sicher gefühlt. Er hat mich nicht verurteilt. Vielleicht hatte ich im Hinblick auf sein Wesen, das so verständnisvoll und liebenswert war, doch etwas mehr für ihn übrig, als bloße Sympathie, was ich aber nie zugegeben hätte. Schwer genug mich jetzt damit auseinander zu setzen, da ich schon nicht mehr mit seiner Reaktion rechnen muss, sollte ich es doch ausplaudern und auch nicht mehr die Möglichkeit habe, mir darüber Klarheit zu verschaffen. Jetzt, da es sowieso egal ist und ich nicht mal weiß, ob mich womöglich meine Erinnerung täuscht und es einfach nur die Gewissheit war, dass mich jemand akzeptiert und respektiert hat, ohne irgendeine Art von Feintuning vornehmen zu wollen. Ohne zu versuchen, mich zu „verbessern“. Vielleicht ist es lediglich die Verzweiflung, die sich explosionsartig ausgebreitet hat, als ich von seinem Tod erfahren habe, und die seitdem nicht mehr gewichen ist,. Ehrlich gesagt möchte ich überhaupt nicht wahrhaben, dass ich ihn nie wieder sehen werde und möchte mich nur auf den nächsten Auftritt freuen, zu dem er mich mit schleppt.
Natürlich war er nicht perfekt. Das ist niemand. Aber er war jemand, den ich gern um mich hatte und bei dem ich mich wohlgefühlt habe. Und für dessen Gesellschaft ich ohne zu zögern immer wieder meinen Schlaf opfern würde, wenn ich dafür weiterhin sein Lachen sehen und seine Stimme hören könnte, deren Klang ich ehrlicherweise vergessen habe.
Und so trage ich die Erinnerung an ihn weiter. In meinem Tun und meinem Namen. A.J. sind nicht nur meine Initialen. Es heißt auch „Anna Jo“, im Gedenken an Johannes.
Was ich eigentlich bloß sagen will: Ich vermisse dich, mein Lieber.

2 Kommentare zu „Ungesagt

  1. Liebe Ventus, sehr schön, dein Text. Ja, der Johannes… Ich vermisse ihn auch, obwohl er kein wirklich dicker Freund von mir war. Aber seine Energie, in Sachen Slam, war auch etwas, dass mir immer imponiert hat. Ich lieb ihn auch…

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