Pflegt euch ins Knie

So, ihr Schnabeltiere. Ich habe lange überlegt und denke, der hier muss wirklich raus. Aber es ist halt schon bezeichnend, wenn man sich lieber ein paarmal mehr überlegt, ob man etwas zu dem katastrophalen Zustand des eigenen Berufsstandes sagt.

Ich habe einen Job, ein Dach über dem Kopf und nage nicht am Hungertuch. Nur bin ich leider Pflegekraft und finde das ziemlich beschissen. Also nicht den Job an sich, sondern wie mit uns umgegangen wird. Das Gebiet ist eine extrem interessante Wissenschaft mit so vielen Facetten, wird aber noch immer mit Ordenspflege verwechselt. Anders kann ich mir nicht erklären, warum wir noch immer als „Schwester“ angesprochen werden und man alle unsere Forderungen mit fehlender Nächstenliebe wegargumentiert. Wobei: Das ist ja nicht mal ein Argument, sondern emotionale Erpressung, um uns zum Schweigen zu zwingen. Nächstenliebe hat nichts mit meinem Beruf zu tun. Ich könnte Menschen zutiefst hassen und trotzdem eine verdammt gute Pflegekraft sein, einfach weil ich das Gebiet so spannend finde. Weil mich die Entstehung, Prävention und Heilung bestimmter Krankheitsbilder so sehr interessiert. Nicht einmal die so angepriesene Empathie hat etwas mit Nächstenliebe zu schaffen.
Wisst ihr, was noch mit Nächstenliebe nichts zu schaffen hat? Wie man mit uns umgeht. Es ist eine Frechheit, wie man uns mit Nächstenliebe um die Ecke kommt, sie uns aber nicht mal ansatzweise entgegenbringt. Wir schuften uns den Arsch ab und was bekommen wir? Klatschen (Beifall), Lavendel, Merci, Dankesreden, Heldennarrativ und wieder Klatschen (kein Beifall). Dabei fordern wir lediglich eine Impfpflicht für alle, anständige Gehälter, anständige Arbeitsbedingungen, Akademisierung, pflegewissenschaftliche Forschungstellen an allen Uniklinika und damit langfristig mehr Kolleg*innen. Stattdessen lehnen sogar Uniklinika ab, auch nur einen Pflegestudiengang einzuführen, wenn sie es angeboten bekommen. Wenn sie es ANGEBOTEN BEKOMMEN! Ich bin fast aus den Latschen gekippt!
Stattdessen werden wir weiter klein gehalten, verheizt und wie ein frisch geschlüpftes Häufchen behandelt. Obwohl... Ich glaube, das behandelt man sogar besser.

Mein PDL denkt, uns behandeln zu können, wie es ihm in den Kram passt. Er ist mir gegenüber frech, wenn ich auf Missstände hinweise, und verweist bei diesen Mitteilungen auf Formfehler, für die er nicht nur mir eine freche Antwort mit Rotstift unter die Gefährdungsanzeige rotzt, sondern auch noch meine Teamleiterin zur Schnecke macht, statt mal mit unserem ganzen Team darüber zu reden und gemeinsam eine Lösung zu finden. Wir krabbeln auf dem Zahnfleisch und er kommt nicht damit in die Pötte, uns zu entlasten. Stattdessen heißt es, wir sollen halt den Dienstplan abdecken. Wie, sei ihm egal. Ich würde ihm gern alles um die Ohren fliegen lassen, aber selbst das wäre ihm völlig scheißegal. Ich würde ihm gern seinen Job abluchsen, aber für ein Studium bin ich zu sehr am Ende. Eigentlich bleibt mir nur der Pflexit. Da fehlt mir jedoch eine Perspektive. Pflege ist das, was mich interessiert. Notaufnahme, Neo und Psychiatrie sind die Gebiete, in denen ich arbeiten will.

Eine weitere Ausbildung kann ich mir nicht leisten, weder finanziell noch mental. Studium geht finanziell nicht, immerhin wohne ich alleine. Eine Umschulung könnte gehen, aber was interessiert mich? Was kann ich mir als meinen Job vorstellen? Eigentlich war Sozial-Stuff und Bildungs-Stuff immer mein Ding. In den letzten Jahren ist das jedoch immer unattraktiver für mich geworden. Also formuliere ich die Frage mal anders: Was kann ich tun, was nicht direkt etwas mit Menschen zu tun hat? Etwas, bei dem man sich nicht verarschen lassen muss? Okay, verarscht wird man eigentlich überall. Und genau das macht mir die Suche nach einer Alternative so schwer. Aber will ich beruflich wirklich etwas anderes tun?
Ich habe gute Kolleg*innen, pflegerisch wie ärztlich. Wir alle halten zusammen und stützen einander. Wir sind einander Vorbilder, Schüler*innen und Stützen. Wir sind füreinander da und stehen füreinander ein.
Eigentlich finde ich meinen Beruf toll, aber wenn ich den Zustand unseres Gesundheitswesens sehe, weiß ich nicht, ob ich noch drinstecken will, wenn uns alles noch mehr um die Ohren fliegt. Dafür werde ich zu schlecht bezahlt. Ehrlicherweise werde ich für die momentane Situation schon zu schlecht bezahlt. „Wenn's kracht noch nen Meter“ ist nicht die richtige Art, mit Menschen umzugehen. Und es hat schon gekracht. Schon vor der Pandemie hat es gekracht. Man hat uns gegen die Wand gefahren, dann beklatscht und mit nem Lavendelstock versorgt und später weiter durch die Wand durchgedrückt. Yay. Aber Hauptsache die Träger und die Politik schlagen dabei Gewinne raus. Es KOTZT mich an. Aber so richtig. Mit hilflosem „Aber was sollen wir denn dagegen tun?“ kommt niemand weit. Wir sagen euch seit Jahren, was ihr tun sollt. Wir haben euch sogar schon Schritt-Für-Schritt-Anleitungen gegeben.
  • 4000€ Einstiegsgehalt für die Pflege
  • 25h/Woche bei Vollzeit im Gesundheitssektor
  • Rente ab 60 für alle Gesundheitsberufe
  • Ordentliche Ausbildung der Assistenzärzt*innen
  • Geregeltes 3-Schicht-System für Ärzt*innen im KH
  • Kein Gewinn für die Träger
  • Vollakademisierung der Pflege
  • Pflegeforschungsstellen in JEDER Uniklinik
Hätte man damit vor Jahren angefangen, dann hätten wir jetzt diese Probleme nicht und es würden nicht so viele Menschen aus ihrem Job fliehen. Und wenn wir schon dabei sind: Beschließt mal endlich einen gescheiten Lockdown und führt die verdammte Covid-Impfpflicht ein. Die Schwurbels, die dann auswandern wollen, sollen ruhig gehen. Vielleicht nehmen sie Nazis und Homöopathie-Gläubige gleich mit. Wäre mal schön. 
Aber nein, denen muss man ja in den Arsch kriechen, sonst verdient man an der ganzen Scheiße kein Geld mehr, ne? Wenn die Kranken und Fachkräfte eine ordentliche Lebensqualität haben, können sich die Verantwortlichen nicht das Sommerhaus auf Mallorca leisten. Das wäre ja nicht zumutbar! Wenn ich die Virostatische Therapie meiner Katze nicht durch Spenden finanzieren müsste, hätte ein armes, armes Trägervorständchen möglicherweise einen Urlaub weniger. Unfassbar dreist wäre das doch! Ha! Vom Gehalt leben zu können und nicht verheizt zu werden ist eine unfassbar dreiste Forderung. Immerhin braucht hier noch jemand ne Handtasche, da noch jemand nen Porsche und die unentbehrlichen Maßanzüge kosten ja auch. Wen kümmert's da, dass immer mehr Leute arbeitsunfähig werden, über Monate oder Jahre krank sind, ihren Traumberuf aus Resignation verlassen oder sogar sterben?
Ja, es klingt bösartig, wie ich darüber rede, aber ich finde keine anderen Worte mehr. Ich kann nicht mehr weinen, weil ich zu kraftlos bin. Ich habe jeden Tag Angst, wieder psychisch zu dekompensieren und diesmal länger auszufallen als den einen Monat Anfang des Jahres. Ich kann nicht mehr positiv denken, kein Alles wird gut mantraartig vor mich hin grummeln und nicht mehr an das Gute im Menschen glauben.

Es geht nicht mehr. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich nur noch hoffe, dass ich meine Erwerbstätigkeit überlebe.

Es geht hier nur noch um's überleben.

Ja. Kapitalismus ist etwas feines, ne?

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