~ ; ~

Das Ende eines Abschnittes. Die Stelle, an der ich einen Punkt machen wollte, aber mir immer wieder etwas dazwischenkam. Fast 20 Jahre lang. Fast 20 Jahre lang wollte ich nur fein raus sein und mir diese ganze verdammte Welt nicht mehr geben, weil ich hier sowieso keinen Platz hatte. Ich bin schon anders, seit ich mich erinnern kann.
Also nicht dieses „not like other girls“-anders, sondern anders-anders. Ich habe nie verstanden, was gesellschaftlich, schulisch und auch in allen anderen Belangen von mir erwartet wurde und alle um mich herum verstanden nicht, dass ich es nicht verstand.
Ich kann andere Menschen oft nicht nachvollziehen, die Wenigsten können mich nachvollziehen. Das Chaos in meinem Kopf ist unerträglich und meine Systemabstürze unberechenbar. Das bot meine Mitschüler*innen natürlich Angriffsfläche. Wenn ich sowieso nie gut genug war, warum sollten gerade sie mich dann akzeptieren? Ich bin introvertiert, „eigen“ und entspreche in meinem ganzen Sein und Tun nicht der vermeintlichen Norm. Aber was ist schon normal? Für mich war es eben normal, zu malen, in Fantasybüchern zu versinken, düstere Musik zu hören, Gedichte und Geschichten zu schreiben. Es wurde auch zur Normalität, das ziemlich alleine zu tun, obwohl ich gerne ein paar Freund*innen gehabt hätte, mit denen ich etwas unternehmen konnte. Mittlerweile macht es mir Angst, unter Leute zu gehen. Natürlich wäre es mir lieber, wenn ich ab und zu mal tanzen gehen könnte und schnell Anschluss fände. Mein Leben hat mich aber zu dem gemacht, was ich jetzt bin: Ein Weirdo, der nirgendwo reinpasst. Zumindest denke ich das von mir. Meine scheinbare Verpeiltheit ist für mich normal, genauso wie das Chaos an Gedanken, das mir regelmäßig Kopfschmerzen und die schon erwähnten Systemabstürze verursacht. Aber hey: Irgendwie schaffe ich es. Das „Wie“ ist mir häufig selbst ein Rätsel.
Jedenfalls haben mir diese Umstände nicht wirklich weitergeholfen. Ich fühlte mich nicht ernstgenommen, wurde belächelt und irgendwann habe ich an meiner Intelligenz gezweifelt. Was im Großen und Ganzen zwar nicht schlimm ist, aber für mich halt schon. Dabei spielt meine Intelligenz möglicherweise schon eine Rolle, wie mir von verschieden Quellen zugetragen wurde. Nur halt in die andere Richtung. Das zu testen vermeide ich aber. Ich will es nicht wissen. Mir reichen schon die Mutmaßungen Anderer und jetzt steht ja auch noch ADHS im Raum und... Gut, das ist eine andere Geschichte.

Jetzt also mal von vorne. Oder zumindest von dem an, was vorne sein könnte, weil ich da bemerkt habe. Ich habe nämlich keine Ahnung, wann das alles tatsächlich angefangen hat, unschön zu werden.
Mit 12 war ich zum ersten Mal suizidal. Ich stand in Irland an einer Klippe und dachte zum ersten Mal ernsthaft dran, da runter zu springen. Eins mit den Wellen zu sein war in dem Moment das, was ich wollte. Ich wollte Schaum werden, vom Wasser weggetrieben und nie mehr von irgendwem gesehen. Okay, ja. Ich wusste auch damals schon, wie eine Wasserleiche aussieht, aber daran wollte ich in dem Moment nicht denken. An dieser vollkommen surrealen Situation merkte ich es erst. Ich konnte es nicht benennen und wusste bis dahin nur theoretisch, dass so etwas wie Suizid existiert. In diesem Moment hatte ich Angst vor mir selbst. Angst, tatsächlich zu springen. Deshalb habe ich mich in diesem Urlaub nie mehr einem tiefen Abhang genähert.
Mit den Jahren kamen diese Gedanken immer wieder. Mal diffus und nicht wirklich greifbar, mal sah ich eine Gelegenheit nach der anderen, mir alles auszuhauchen, was ich war.
Ich wollte nur noch meine Ruhe. Damit fängt es an. Damit fängt es fast immer an. Einfach nur die Sehnsucht danach, endlich diese laute und unfassbar nervige Welt mit Menschen, Problemen, Stress und Gefühlen hinter sich zu lassen und aus dieser ganzen Scheiße fein raus zu sein.

Ruhewunsch
Todeswunsch
Planung
Vorbereitung
Durchführung

Ein paarmal kam ich bis zur Vorbereitung. Vor der Durchführung wurde ich immer bewahrt. Ich würde ja gern sagen, dass jemand mich davon abgehalten und mir damit das Leben gerettet hat, aber da muss ich euch leider enttäuschen. Es war allein mein Dickschädel. Wegen meines Dickschädels habe ich bisher überlebt und habe es auch weiterhin vor. Wohin kämen wir denn, wenn ich der Welt nicht mal mehr den Mittelfinger zeigen könnte? Denn: Was ich mir vornehme, ziehe ich auch durch. Und ich habe mir ja mit meiner Geburt vorgenommen zu leben.

Selbstverletzungen, erst durch zu heißes Duschwasser, häufiges Kratzen und Nägelkauen, dann durch toxische Beziehungen, exzessiven Alkoholkonsum und später zusätzlich ein höchst riskantes Sexualverhalten konnten mich nicht klein kriegen; immerhin bin ich noch da. Und das alles, weil ich nicht eingesehen habe, diesem Drang, mein Leben zu beenden, nachzugeben. Ja, das ist unromantisch, aber ich war schon immer eher lösungsorientiert. Sicher erinnert mein Vater sich noch an den Gummifrosch auf seiner Bettecke, weil es mir immer zu lange gedauert hatte, bis er am Wochenende mal aufstand, wenn wir ihn zum gemeinsamen Frühstück weckten. Es war unschön und vielleicht nicht besonders nett, aber effektiv.
Und so ging ich auch mit meiner Suizidalität um. Sterben? Erst, wenn ich XYZ erledigt habe. - Ich will es immer noch? Sorry, ich wollte noch Pizza bestellen; ist also momentan eher nicht so optimal. - Jetzt? Bin leider unpässlich. Und warum ziehe ich sowas überhaupt in Erwägung? Wie habe ich mich bei dem Anruf wegen B gefühlt? Und als ich von Rs Tod erfahren habe? War kacke. Will ich das für Andere? Nein. Also lasse ich das mal schön sein. Okay? Okay! Wenigstens da bin ich mir mal einig.
So unromantisch also das Verhindern meines Suizides war: Es hat für mich funktioniert. Ich lebe noch. Und das ist auch gut so. Heute gibt’s nämlich vegane Dönerstyle-Nudeln.

Aber jetzt mal ernsthaft: Ohne mir Hilfe zu holen hätte ich es aus diesem Teufelskreis nie rausgeschafft. Und ja, meine Medikation spielt da auch keine unwesentliche Rolle.

Hilfe gibt’s in der Psychiatrie eurer Wahl, bei niedergelassenen Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen. Jede Psychiatrie hat eine Notfalltelefonnummer und bei akuten Suizidabsichten müsst ihr sofort die 110 oder 112 anrufen und euch zur nächsten Notaufnahme bringen lassen.

Zur Prävention gibt es unter Anderem die Telefonseelsorge und Selbsthilfegruppen. Ihr seid nicht alleine. Gebt euch nicht auf; ihr würdet vielen Menschen fehlen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: