Für mehr „Nein“ und weniger „Ach, komm schon!“

Keine Ahnung, warum mir das eben wieder eingefallen ist. Vielleicht weil ich sowieso mitten in der Aufarbeitung der fünf schlimmsten Jahre meines Lebens stecke. Vielleicht gab es irgendeinen Trigger, den ich nicht benennen kann, weil er so nebensächlich scheint, dass es einfach ist, ihn zu übersehen. Jedenfalls ist dieses Gefühl von damals wieder sehr präsent.

Ich war 19.

„X hat gefragt, ob er dich mal ausleihen kann.“ erzählte mein damaliger Freund beiläufig. X war sein Onkel und mir noch nie wirklich angenehm gewesen. Ich erfragte auch, was damit gemeint war: Er hatte schon lange mit keiner so jungen Frau mehr geschlafen und ich sei doch recht fickbar. Als hätte ich es mir nicht denken können. Seine Freundin war ihm mit Mitte 40 zu alt. Er ging auf die 50 zu und war nicht gerade das, was man als attraktiv und sympathisch bezeichnen konnte. Mir wurde übel. Ich hielt es für einen schlechten Scherz, aber wurde schnell eines Besseren belehrt.
„Und du hast ja eh keinen Vergleich, also ist das doch bestimmt praktisch für dich, dann hattest du wenigstens mal einen anderen Schwanz. Ich habe schon erzählt, wie du so bist, aber er will trotzdem.“
Nicht nur, dass die beiden es als voll okay angesehen haben, einfach über meinen Kopf hinweg so etwas verabredet hatten, das ist auch auf so vielen anderen Ebenen mindestens problematisch.
Als mir diese Szene eben wieder in den Kopf platzte, war alles wieder da: Der Ekel, die Scham, die Wut. Ich musste mich einer Diskussion mit meinem Freund stellen, warum ich nicht mit seinem fast 50-jährigen ekelhaften Onkel schlafen wollte. Warum ich wütend darüber war, dass die beiden dachten, so über mich verfügen zu dürfen. Dass ich auch noch ein Wörtchen mitzureden hatte und dieses Wörtchen eben Nein war. Na gut, eigentlich war es nicht wirklich eine Diskussion. Er hat versucht, mich durch Manipulation dazu zu zwingen. Gaslighting und anderer Psychoterror waren ja sowieso an der Tagesordnung. Dass er mein Nein nicht akzeptierte, war an der Tagesordnung. Dass er mich aber an jemand anderes verscherbeln wollte, war bisher noch nicht vorgekommen. Und er erwähnte es noch öfter. Beide fragten noch öfter nach, ob ich denn jetzt wolle und warum ich mich denn so anstellte. Es sei doch nur einmal.

Jetzt, wo ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, merke ich auch, dass das zu meiner Angst vor älteren Männern beigetragen hat. Ich konnte mit ihnen keine noch so freundlichen Gespräche führen, ohne Angst vor Übergriffen zu haben. Ich wollte nicht mal im gleichen Raum sein. Und vor X ekele ich mich immer noch. Obwohl ich es so lange erfolgreich verdrängt hatte, Ist es jetzt wieder so präsent als sei es gerade erst passiert. Ich ekele mich sogar wieder vor mir selbst; davor, dass es Menschen gibt, die mich aus einer sexuellen Perspektive sehen. Eigentlich weiß ich nicht mal, wovor ich mich ekele. Es ist so ein schwammiges Gefühl, gemischt mit Wut und Verzweiflung. Dieses Wissen, dass es Menschen gibt, die mir das Recht absprechen wollen, über meinen eigenen Körper zu entscheiden, ist gruselig. Dass über so etwas häufig gescherzt wird, ist verdammt gruselig, denn es verharmlost diese Tatsache auf so vielen Ebenen. Und jede dieser Ebenen ist eine zu viel.
Das ist nur eine Situation von vielen gewesen und ich arbeite immer noch dran, da irgendwie drauf klarzukommen, immerhin musste ich X mindestens jedes verdammte Wochenende sehen, teilweise noch öfter. In diesem Haus wurde ich ja gehalten wie eine Gefangene und er ging dort ein und aus, wie er wollte. Um es jemandem aus meiner eigenen Familie zu erzählen habe ich mich zu sehr geschämt, was eigentlich unvorstellbar ist, denn ich hatte ja nichts getan. Der Familie meines damaligen Freundes konnte ich nichts sagen, weil sie sich IMMER gegenseitig in Schutz genommen haben. Sie haben sogar jahrelang gesehen, wie mein Freund mich gequält und erniedrigt hatte, und haben es einfach geschehen lassen. Unsere gemeinsamen Freund*innen wickelte er immer wieder ein. Ich hatte jahrelang keinen Safe Space. Stellt euch das mal vor: Ihr seid psychisch schon völlig am Ende, jemand, dem ihr eigentlich vertrauen können solltet, terrorisiert euch immer weiter und ihr habt keinen Ort, an dem ihr davor sicher seid.
Und dann will er euch an seinen Onkel verscherbeln und findet das auch noch halb so schlimm. Da bin ich noch irgendwie rausgekommen, aber:
Wie oft hat schon jemand mein Nein ignoriert? Ich kann es nicht sagen. Auch nicht, wie oft ich mich doch habe zu irgendetwas überreden lassen, was ich nicht wollte? Und das nicht nur in sexueller Hinsicht und nicht nur Menschen, die mir etwas Böses wollten.
Ich muss mit niemandem schlafen, in einer Beziehung muss ich auch keine sexuellen Praktiken nutzen, die ich nicht mag. Verdammt, ich muss nicht mal ein Glas Wein trinken, wenn ich das nicht möchte, und das ganz ohne schwanger zu sein. Ich muss bei schönem Wetter nichts unternehmen, muss meine*n Partner*in nicht überallhin mitnehmen und ich muss verdammt nochmal weder Fleisch noch andere Tierische Produkte konsumieren. Ich. Muss. Nichts.

Für mehr Nein auf dieser Welt.

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